Alpen - Sommer- und Wintertourismus

Alpen - Tourismus und Umwelt
978-3-14-100371-0 | Seite 54 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 3000000

Überblick

Die Hochburgen des Wintertourismus liegen in der Regel in den höheren Lagen der Zentralalpen, während an den Alpenrändern eher der Sommertourismus dominiert. Wintersportorte in mittleren Lagen sind immer stärker vom Klimawandel betroffen, da hier Schnee während der stetig enger werdenden Kernwinterzeit unregelmäßiger fällt. Die Skisaison ist somit immer weniger gesichert und muss durch Kunstschnee, der mit hohem Energie- und Wasserbedarf erzeugt wird, gewährleistet werden.

In den französischen Alpen und den westlichen italienischen Alpen gibt es viele Wintersportzentren, die als Retortensiedlungen ohne Rücksicht auf die historische Siedlungsstruktur errichtet wurden. Im Unterschied dazu hat sich der Sommertourismus in der Schweiz, Bayern, Österreich und Südtirol überwiegend auf der Grundlage alter Bergdörfer entwickelt, deren Lebensgrundlage sich dadurch komplett verändert hat. In den Südalpen konzentriert sich der Tourismus auf die alpinen Seen (Lago Maggiore, Gardasee), Südtirol und die Dolomiten. Daneben gibt es im Alpenvorland viele kunst- und kulturhistorisch bedeutsame Destinationen für den Städtetourismus, im Norden etwa Zürich, Luzern, München oder Salzburg – im Süden Turin, Mailand, Verona oder Venedig.

Entwicklung des Alpentourismus

Vor 1880 besuchten nur wenige Touristen die Alpen. Ein Aufenthalt im damals bedeutend kälteren Hochgebirge mit seinen langen und verlässlich schneereichen Wintern, wurde damals eher als Abenteuer, denn als Erholung angesehen. Die touristische Infrastruktur war bescheiden und auf wenige Orte wie Chamonix, Zermatt, Grindelwald oder Badgastein konzentriert. Einen ersten Aufschwung erlebte der Tourismus zwischen 1880 und 1914 durch die Anbindung an das Eisenbahnnetz. Die Zahl der Übernachtungen blieb bescheiden, aber die Gäste – europäischer Adel und Industriebürgertum – waren zahlungskräftig. Zu ersten großen Veränderungen im Siedlungsbild der Orte kam es durch den Bau großzügiger Palasthotels und Sanatorien gegen Atemwegserkrankungen (z. B. Tuberkulose). Überdies wurden erste Schmalspur- und Zahnradbahnen angelegt. Touristische Zentren dieser Phase waren das Berner Oberland, das Wallis und Graubünden in der Schweiz sowie das Salzkammergut, die Tauern sowie Semmering und Wienerwald in Österreich. In der Zwischenkriegszeit (1918–1939) erlebte der Alpentourismus aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit und dem Niedergang des Adels einen schweren Einbruch, viele Hotels mussten schließen. Wichtige Weichenstellungen für die zukünftige Entwicklung waren im Zuge des aufkommenden Wintersports – welcher in der Ausrichtung erster Olympischer Winterspiele in Chamonix (1924) und St. Moritz (1928) gipfelte – die Errichtung erster Luftseilbahnen (ab 1927) und Skilifte (ab 1934). Der Massentourismus im Sommer setzte dann zusammen mit dem Wirtschaftswunder ab Mitte der 1950er-Jahre ein. Weite Teile der Alpen wurden nun durch asphaltierte Fernstraßen erschlossen, so dass Gruppen- und Einzelreisende mit Bus und PKW schnell und bequem an ihr Ziel gelangen konnten. In vielen Orten entstanden Pensionen, kleine Hotels und Luftseilbahnen, die auf Aussichtsgipfel führten. Die Ausweitung des touristisch ausgerichteten Angebots betraf etwa die Hälfte des Alpenraumes. Nach einer langen Boomphase (1955–1975) stagnierten vielerorts die Übernachtungszahlen, ab Anfang der 1980er-Jahre gingen sie in vielen kleineren Gemeinden mit dem Schwerpunkt Sommertourismus sogar zurück. Der Massentourismus im Winter, der erst Mitte der 1960er-Jahre begonnen hatte, wies dagegen bis Mitte der 1980er-Jahre starke Zuwächse auf.

Zahlreiche Gemeinden entwickelten sich in diesen Jahrzehnten zu Doppelsaison-Orten mit touristischer Monostruktur – die klassische Weidewirtschaft mit Milchviehhaltung zog sich dort immer weiter zurück. Aus Bergbauern wurden Hoteliers oder Skiausrüster: Touristische Leitbilder waren mittelgroße Hotels für gehobene Ansprüche, Skilifte wurden über einst nur durch Alpenpässe miteinander verbundene Täler hinweg zu sogenannten „Ski-Zirkussen“ verbunden. Diese Entwicklung vollzog sich vor allem in den mittelgroßen und großen Touristenzentren, da kleine Gemeinden die teure Ski-Infrastruktur nicht finanzieren konnten. Durch den Ausbau der touristischen Einrichtungen entstanden Überkapazitäten und als der Boom Mitte der 1980er-Jahre endete, schneearme Winter zwischen 1987 und 1990 die Konkurrenz erhöhten und die Preise drückten, setzte eine erste Krise ein. Erste Wintersport-Regionen begannen daraufhin, sich mit Beschneiungsanlagen vom Wetter unabhängiger zu machen und die Wintersaison künstlich zu verlängern. In der jüngeren Zeit seit den 1990er-Jahren haben verschiedene Regionen unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, was zu einer Ausdifferenzierung des Angebots führte. Aufgrund zunehmender ökologischer Probleme durch den Massentourismus und den merklich spürbaren Folgen des Klimawandels in den Alpen, setzen viele Gemeinden verstärkt auf einen nachhaltigen Tourismus, insbesondere in Nationalparkregionen. Andere Orte bemühen sich, die Konzentration auf die temperatur- und schneebedingt immer kürzer werdende Wintersaison und die durch Schulferien begrenzte Sommersaison durch ganzjährige Angebote im Sport-, Gesundheits-, Wellness- oder Outdoorbereich abzumildern. Beschneiungsanlagen gehören inzwischen in allen Wintersportorten, auch den höher gelegenen, zum Standard. Da sich Europa im nun einsetzenden Zeitalter des Klimawandels von allen Kontinenten am stärksten erwärmt und dort die Alpen besonders stark, wird der Wintersport in mittleren Lagen bis 2000 oder 2500 Meter immer weiter zurückgehen. Man prognostiziert, dass nur Orte mit einer Ski-Infrastruktur ab 2500 Meter Höhe und höher auch in 20 oder 30 Jahren noch verlässlichen, planbaren Wintersport anbieten können, der dann entsprechend nachgefragt und exklusiv ausfallen dürfte.

Tourismus in den Nachbarländern

Frankreich: Die französischen Alpen wurden, abgesehen von bescheidenen Anfängen in der Belle Époque, ab den 1930er-Jahren für den modernen Tourismus erschlossen, wobei der Schwerpunkt stets auf dem Wintersport und somit der Wintersaison lag. Nach dem Vorbild der Retortenstationen aus Italien entstanden Anlagen, die – meist von der öffentlichen Hand getragen – fast die gesamten Westalpen prägen. Auf Val d‘lsère und Alpe d‘Huez folgten Wintersportzentren in Courchevel und Les Deux Alpes, später auch „integrierte Stationen“, die nach einer Ski-Eignungsanalyse geplant wurden (z. B. La Plagne, Tignes, Isola). Architektonisch prägend waren platzsparende Hochhausbauten, die Skipisten enden direkt vor der Haustür solcher Komplexe.

Italien: Im italienischen Alpenraum entstanden während der Belle Époque große Tourismuszentren wie Cortina d’Ampezzo (Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1956 und 2026). In den Cottischen Alpen wurde 1930 das 2000 Meter hoch gelegene Sestrière eröffnet, ein Prototyp für spätere Retorten-Wintersportorte. Unter Mussolini wurde auf der Südseite des Matterhorns Cervinia errichtet, das heute mit Zermatt zu einem Ski-Zirkus verbunden ist. Charakteristisch für diese Touristenzentren ist, dass sie siedlungshistorisch, ökonomisch und kulturell Fremdkörper in ihrer Umgebung sind, ohne Anbindung an das Umfeld. Nur in Südtirol entstanden kleinteilige Tourismusstrukturen mit familiengeführten Hotels und Ferienwohnungen.

Schweiz: Die Schweiz war im 19. und frühen 20. Jahrhundert touristisch führend im Alpenraum und blieb es bis in die Nachkriegszeit. Zu den Hotels aus der Belle Époque kamen ab den 1960er-Jahren private Ferienhäuser und Ferienapartments. Parallel dazu verlief ein Funktionswandel von Höhenluftkurorten zu Wintersportzentren mit Sporthotels (z. B. Arosa oder Davos). Die Dichte von Tourismusorten, die 200 000 und mehr Übernachtungen aufweisen, ist in der Schweiz relativ gering, nicht zuletzt aufgrund des hohen Preisniveaus.

Österreich: Österreich hat die moderne touristische Entwicklung aktiv vorangetrieben, etwa durch Förderung der Privatzimmervermietung. Dadurch entstand ein dezentrales und kleinbetrieblich strukturiertes Angebot für den Sommertourismus, das weitgehend von Einheimischen aufgebaut und betreut wurde, wie in vielen Tälern Tirols und Vorarlbergs. Mit dem Übergang zum Massentourismus in der Wintersaison entstanden Probleme, weil nur ein Teil der Anbieter in der erforderlichen Größenordnung wachsen wollte. Infolgedessen wurden vor allem in den westlichen Landesteilen viele Klein- und Mittelbetriebe verdrängt (z. B. in Lech, St. Anton, Ischgl, Sölden). In den letzten Jahren hat sich auf der Basis des reichlich vorkommenden Thermalwassers eine neue Tourismusregion gebildet, das südoststeirisch-burgenländische Bäderdreieck. Thermen und Hotelanlagen haben dem eher strukturschwachen, landwirtschaftlich geprägten Raum starke wirtschaftliche Impulse gegeben.

Slowenien: Der Tourismus in Slowenien hat von dem EU-Beitritt 2004 enorm profitiert. Neben typischen Wintersportzentren wie Kranjska Gora gibt es Sommerziele wie Bohinj und Kurorte wie Bled, am Alpenrand auch einige Thermenstandorte. Die Flüsse der Region sind ein beliebtes Ziel für Wassersportler.

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