Europa - Erneuerbare Energiereserven
Überblick
Betrachtet man die Reserven fossiler Energieträger wie Kohle oder Erdöl und vor allem deren Auswirkungen auf das Klima, stellt sich immer stärker die Frage nach einer Ausweitung der Nutzung erneuerbarer Energiequellen. Die Karte gibt einen Eindruck vom Stand der derzeitigen Nutzung.
Wasserkraft
Die Wasserkraft liefert gegenwärtig den mit Abstand höchsten Anteil erneuerbarer oder regenerativer Energie. In Norwegen und Österreich beispielsweise deckt sie den gesamten Strombedarf im Inland und ermöglicht sogar Stromexporte. Dies hängt aber auch mit der Topographie dieser Länder zusammen, die den Bau zahlreicher Stauseen ermöglicht. Bei der Nutzung der Wasserkraft ist heute bereits ein hoher Ausbaustand erreicht. An den Küsten, vor allem von England und Frankreich, ermöglichen die extrem unterschiedlichen Wasserstände bei Ebbe und Flut (Tidenhub) eine andere Möglichkeit, Wasserkraft zu nutzen. Bisher wurde jedoch erst ein Gezeitenkraftwerk in Nordfrankreich errichtet (Gezeitenkraftwerk La Rance 240 MW).
Windkraft
Von allen erneuerbaren Energieformen erreicht die Windkraft den größten Anteil. In vielen Regionen Europas – besonders aber in Dänemark, Deutschland (vgl. Karte 45.3 und 45.4) und Spanien – werden Windkraftanlagen ausgebaut oder durch höhere mit mehr Leistung ersetzt, da das Windkraftpotenzial bei Weitem nicht ausgeschöpft ist. In einigen Regionen, dazu gehören vor allem die Küstenräume, liegt es bei etwa 174 000 MW. Zu Einschränkungen bei der Nutzung führt aber, dass die Einspeisung von Windstrom ins Stromnetz starken Schwankungen unterliegt, da Wind nur sehr unregelmäßig anfällt. Um die geringe Windstromproduktion bei Flaute durch andere Energiequellen ausgleichen zu können, müssen Speicher genutzt werden bzw. andere Energieträger „einspringen“, wie beispielsweise schnell aktivierbare erdgasbetriebene Wärmekraftwerke (Stand-by-Betrieb). Der Aufbau eines intelligent funktionierenden und aufeinander abgestimmten Speichernetzes ist eine große Herausforderung der Zukunft. Ein weiterer Unterschied zur Nutzung von Sonnenenergie ist, dass die Windkraft meist nicht dort „geerntet“ werden kann, wo der mit ihr hergestellte Strom benötigt wird. Besonders hohe Leistungen erbringen Windparks im Meer und in höheren Mittelgebirgslagen – von dort muss der durch Wind erzeugte Strom zu den Bevölkerungs- und Wirtschaftszentren transportiert werden. Dies erfordert eine Umstrukturierung und den gezielten Aus- und Rückbau des Hochspannungsnetzes, ein Prozess, der in Deutschland derzeit umgesetzt wird.
Sonnenenergie/Solarenergie
Bei der Nutzung der Sonnenenergie muss zwischen der Nutzung für die Warmwassererzeugung und Gebäudeheizung (thermische Solaranlagen) sowie für die Stromerzeugung (Photovoltaik) unterschieden werden. Die Globalstrahlung liegt auf nach Süden ausgerichteten und um 30 Grad geneigten Flächen zwischen 1020 Kilowattstunden/Quadratmeter in England und 1900 kWh/m² in Portugal. Im europäischen Durchschnitt liegt die Globalstrahlung bei 1500 kWh/m². Die Globalstrahlung ist die Summe der durch die einfallende Sonnenstrahlung auf einer Fläche zur Verfügung stehenden Energie (vgl. Karte 174.3 „Globalstrahlung“). Das Potenzial ist im Süden Europas größer als im wolkenreichen Nordwest- und Mitteleuropa (vgl. Karte 45.2 „Deutschland – Erneuerbare Energie aus Sonne und Erdwärme“). Nach Schätzungen ließe sich bei gegenwärtigem Stand der Technik die gesamte Stromproduktion mit Solarenergie erzeugen. Das Problem des zeitlich ungleichmäßigen Anfalls von Solarstrom ist anders gelagert als beim Wind, da einerseits im Tagesverlauf die mögliche Solarstromproduktion und der Stromverbrauch ungefähr gleich verlaufen, andererseits im Jahresverlauf sehr weit auseinanderdriften, da im Sommer sehr viel Solarstrom produziert werden kann, im Winter hingegen sehr wenig. Allerdings sind Solaranlagen auf Gebäuden und Solarparks auf Freiflächen räumlich sehr nah am Verbraucher (Haushalte, Dienstleistungen, Industrie und Gewerbe) des durch sie produzierten Solarstroms und benötigen deshalb nur wenig Transportinfrastruktur (Stromleitungen).
Geothermie
Das geothermische Potenzial ist nicht auf Regionen mit gleichmäßig hohen vulkanischen Aktivitäten (z. B. Island, Italien) beschränkt, doch wird es bislang nur an einzelnen Standorten genutzt. In Deutschland sind die Möglichkeiten zur Nutzung geothermischer Energie noch lange nicht ausgeschöpft, nur im Oberrheingraben und in Südbayern gibt es einige wenige Kraftwerke, die insgesamt aber nur 200 MW erzeugen (vgl. Karte 45.2 „Deutschland – Erneuerbare Energie aus Sonne und Erdwärme“). Die geothermischen Kraftwerksanlagen in toskanischen Lardarello zählen hingegen mit einer Leistung von 770 MW zu den größten der Welt.