Ruhrgebiet - Strukturwandel - um 2024

Deutschland - Wirtschaft
978-3-14-100453-3 | Seite 43 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 500000

Das Ruhrgebiet um 1840

Die Karte von 1840 lässt gut 100 Standorte des Steinkohlenbergbaus entlang der Ruhr zu Beginn der Hochindustrialisierung erkennen. Zu diesem Zeitpunkt gab es bis auf die Flüsse und einige Kohlebahnen noch keinerlei Verkehrsinfrastruktur, die Kohlegewinnung beschränkte sich noch fast vollständig auf Tagebaue. Essen, einer der damals größten Orte, war mit einer Bevölkerung von unter 7000 nach heutigen Maßstäben fast noch ein Dorf. Die von Süden nach Norden verlaufende Abfolge von Ruhr-, Hellweg-, Emscher- und Lippezone, die alle parallel vom Rhein aus in östliche Richtung verlaufen, ist von Natur aus vorgeprägt. Deutlich zu erkennen sind die ehemals stark bewaldeten Ausläufer des Süderberglandes am unteren Kartenrand und die sich nördlich anschließenden Lössterrassenplatten. Diese waren schon um 1840 wegen der fruchtbaren Böden fast völlig entwaldet, landwirtschaftlich genutzt und relativ dicht besiedelt. Im Norden schlossen sich die sumpfige, siedlungsarme Emscherniederung (Emscher Bruch) sowie die sandige Kirchheller Heide und die Haard an.

Entstehung der Ruhrkohle

Die Ruhrkohle entstand im Karbon (carbo: Kohle), einer geologischen Periode, die vor etwa 345 Mio. Jahren begann und über 75 Mio. Jahre andauerte. Die enorme Biomasse tropischer Feuchtwälder in der häufig vom Meer überfluteten Saumtiefe nördlich des Variskischen Gebirges wurde unter Luftabschluss in einem durch Druck und Hitze verursachten Inkohlungsprozess über Torf und Braunkohle zu Steinkohle umgewandelt. Geologische Faltungen, Sedimente des Kreidemeeres und zahlreiche Sprünge und Verwerfungen erschwerten lange den Abbau der Steinkohle. In den 1830er-Jahren gelang es erstmals, die Deckschichten zu „durchteufen“. Damit war die Förderung der verkokbaren Fettkohle (Koks s. u.) im Tiefbau möglich. Diese und weitere Fortschritte, z.B. in der Verhüttungstechnik, waren entscheidende Voraussetzungen für den Boom der Eisen- und Stahlindustrie und den Aufstieg des Ruhrgebiets zum größten Industriegebiet auf dem europäischen Kontinent.

Das Ruhrgebiet von 1840 bis 1960

Um 1850 hatte das Ruhrgebiet einen Anteil von nur 5 Prozent an der deutschen Roheisenerzeugung. In den folgenden Jahrzehnten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914) stiegen Förderungsleistung und Beschäftigtenzahl kontinuierlich stark an. Dass die Anzahl der Schachtanlagen im selben Zeitraum sank, ist mit der Konzentration und Rationalisierung im Abbau sowie verbesserten Technologien zu erklären. Die politischen und gesellschaftlichen Einschnitte wie Inflation, Reparationsleistungen, Weltwirtschaftskrise, der Aufschwung durch die nationalsozialistische Kriegsproduktion, die kriegsbedingten Zerstörungen 1943-1945, der rasante Aufstieg durch das deutsche „Wirtschaftswunder“, ließen die Förderleistung und Beschäftigtenzahl in den folgenden Jahrzehnten stark schwanken.

Das Ruhrgebiet um 1960

Die Karte von 1960 zeigt das Ruhrgebiet kurz vor dem Beginn des einsetzenden Strukturwandels. Als die Kohlenkrise begann, befand sich der Bergbau auf einem letzten Förderhöhepunkt. Die Zahl der Beschäftigten im Bergbau lag trotz erster leichter Rückgänge bei 420 000, ähnlich hoch lag die Zahl der Beschäftigten in der Stahlindustrie. Im Vergleich zur ersten Industrialisierungsphase im 19. Jahrhundert hatten sich bis 1960 dabei eine Nordwanderung und eine erste Standortkonzentration im Steinkohlenbergbau und der Eisen- und Stahlerzeugung im Ruhrgebiet vollzogen. Durch die Ausdehnung der Siedlungsflächen war das Gebiet zwischen Duisburg und Dortmund bereits zu einer stark verdichteten, zusammenhängenden Stadtlandschaft mit einer gut ausgebauten Verkehrsinfrastruktur und einer Bevölkerung von über 5 Millionen zusammengewachsen. Die Wirtschaftsstandorte wiesen jedoch eine einseitige Wirtschaftsstruktur auf, was den folgenden Strukturwandel verschärfen sollte, und litten zudem unter erheblichen Umweltbelastungen. Entlang von Ruhr und Emscher, die beide biologisch tot waren, konzentrierten sich um 1960 Steinkohlenzechen, Eisenhüttenbetriebe und Stahlwerke, die in großem Umfang Luft, Wasser und Boden belasteten. An sie schlossen sich die metallverarbeitenden Industrien an – ihre Standorte lagen häufig noch im Süden des Ruhrgebiets, von wo aus die Montanindustrie nach Norden abgewandert war. Darüber hinaus gab es einige Industrien der zweiten Industrialisierungswelle, etwa die chemische Industrie. Ihre Entwicklung wurde durch die Anlage von Pipelines zu den Seehäfen Rotterdam und Wilhelmshaven begünstigt. Auffällig sind die zahlreichen Wärmekraftwerke zur Stromerzeugung sowie mehrere Brikettfabriken (Kohle für Heizzwecke in Wohngebäuden).

Um 1960 setzte dann der finale Niedergang des Steinkohlenbergbaus in Deutschland ein. Während 1955 noch etwa acht Prozent der Weltproduktion im Ruhrgebiet gefördert wurden, zeigten sich wenige Jahre später die ersten Anzeichen der Kohlenkrise, denn die Steinkohle aus dem Ruhrgebiet war immer weniger wettbewerbsfähig. Dies hatte mehrere Gründe:

• aufwendiger Abbau in großen Tiefen, der die Förderkosten steigen ließ;

• relativ dünne, geologisch gestörte Flöze, die sich negativ auf die Produktivität auswirkten;

• vergleichsweise hohes Lohnniveau;

• Verdrängung der Kohle vom Wärmemarkt durch billigeres Erdöl und Erdgas;

• sinkende Nachfrage (effizientere Technologien in Kraftwerken und der Stahlindustrie),

• Elektrifizierung der Eisenbahn.

Importsteinkohle aus Übersee konnte in Deutschland deutlich billiger angeboten werden als Steinkohle aus dem Ruhrgebiet. Die Bergbaugesellschaften reagierten mit Rationalisierungsmaßnahmen, Unternehmensfusionen, Zechenschließungen und Massenentlassungen. Ähnliche Schrumpfungsprozesse vollzogen sich etwa 10 Jahre später, Ende der 1960er- und zu Beginn der 1970er-Jahre, in der Eisen- und Stahlproduktion. Hier waren es vor allem die wegen der einsetzenden Wirtschaftskrise zurückgehende Nachfrage und die aufkommende Konkurrenz ostasiatischer Staaten wie Japan und Korea, wo qualitativ gleichwertiger Stahl trotz langer Transportwege deutlich günstiger hergestellt werden konnte. Während sich die Eisen- und Stahlproduktion im Raum Duisburg verkehrsgünstig am Rhein halten konnte (Bezug von Rohstoffen aus Übersee per Schiff, Abtransport der Erzeugnisse über die Logistikdrehscheibe Duisport), wurde die letzte Steinkohlenzeche des Ruhrgebiets 2018 geschlossen (Prosper-Haniel im nahegelegenen Bottrop). Alle staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zur Aufrechterhaltung der Steinkohle als heimischer Energiereserve wie z. B. die Kokskohlen-Beihilfe (garantierter Absatz einer festen Menge Koks in der Stahlindustrie) oder der sogenannte „Kohlepfennig“ (subventionierter Kohleeinsatz in der Stromgewinnung), liefen Mitte der 1990er-Jahre aus. Bund, Länder, Unternehmen und Gewerkschaften schlossen in den Folgejahren einen Kompromiss, schrittweise und sozialverträglich aus der staatlich subventionierten Förderung von Steinkohle auszusteigen. Der Niedergang von Kohle und Stahl im Ruhrgebiet zwischen 1965 und 2015 führte andererseits aber auch schlagartig zu einer Verbesserung von Umwelt und Gesundheit, was durch staatliche Sanierungsmaßnahmen und ein gesteigertes Umweltbewusstsein der Bevölkerung unterstützt wurde.

Das Ruhrgebiet heute

Der strukturwandelbedingte Anpassungsprozess dauert im Ruhrgebiet bis heute an. Während im Ruhrgebiet allein zwischen 1980 und 2000 rund 500 000 Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe verloren gingen, wurden im Dienstleistungssektor kontinuierlich Zuwächse verzeichnet. Zu prägenden neuen Branchen der Region sind zum Beispiel Logistik und Handel geworden. Mitte der 1980er-Jahre war erstmals mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Bereich Dienstleistungen tätig, ihr Anteil nahm seitdem beständig zu. Heute sind mehr als 80 Prozent der Erwerbstätigen im tertiären Sektor tätig oder beschäftigt. Überdies expandieren Klein- und Mittelbetriebe: Während mehrere große Unternehmen, mit denen der Strukturwandel zunächst eng verknüpft war (zum Beispiel Opel und Nokia), ihre Standorte geschlossen haben, konnte der Kommunalverband Ruhr seit 2000 zahlreiche Existenzgründungen im Bereich Energie-, Umwelt-, Informations- und Kommunikationstechnik, Medizin, Mikroelektronik, Logistik und Werkstofftechnologie registrieren. Trotz dieser positiven Entwicklungen ist das Ruhrgebiet auch eine Problemregion, da weite Bevölkerungsschichten von den Erfolgen des Strukturwandels nicht erreicht wurden. Arbeitsplätze im Steinkohlenbergbau und in der Eisen- und Stahlerzeugung waren auch aufgrund der starken Stellung von Gewerkschaften gut bezahlt, während viele einfache Dienstleistungstätigkeiten im Handel oder der Logistik ein deutlich geringeres Einkommen aufweisen. Außerdem ist die Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet weiterhin deutlich höher als im Bundesdurchschnitt. Dies führte zu steigender Armut, die sich aufgrund knappen günstigen Wohnraums kombiniert mit Zuwanderung häufig in einigen Stadtvierteln konzentriert.

Wichtige Weichenstellungen für den Strukturwandel im Ruhrgebiet

Eine wichtige Weichenstellung für den Strukturwandel im Ruhrgebiet war der Aufbau einer Bildungs-, Forschungs-, Wissens- und Kultur-Landschaft. Seit 1961 wurden im Ruhrgebiet in schneller Abfolge mehrere Hochschulen gegründet, etwa die Universitäten Bochum, Dortmund, Essen, Duisburg – letztere fusionierten 2003 zur Universität Duisburg-Essen –, die Fernuniversität Hagen und die Privatuniversität Witten/Herdecke. Daneben gibt es 15 Fachhochschulen, vier Max-Planck- und vier Fraunhofer-Institute sowie weitere Forschungsanstalten und neue Technologiezentren. Dank zahlreicher Sprech-, Musik- und Tanzbühnen, Kulturfestivals, Museen und einer renommierten Kunsthochschule hat sich das Ruhrgebiet ebenso zu einer bedeutenden Kulturlandschaft entwickelt. Außerdem wurden große Summen investiert, um stillgelegte Industrierelikte als Denkmäler zu erhalten oder neuen Nutzungen zuzuführen. Gut 50 dieser Stätten bilden die „Route der Industriekultur“. In der Gaskraftzentrale eines ehemaligen Bochumer Stahlwerks entstand mit der „Jahrhunderthalle Bochum“ so beispielsweise ein kultureller Veranstaltungsort von überregionaler Bedeutung, auf dem Gelände der Eisenhütte Duisburg-Meiderich der beliebte Landschaftspark Duisburg-Nord, der Gasometer in Oberhausen dient als Ausstellungshalle, der Industriekomplex Zollverein Essen ist seit 2002 Teil des Weltkulturerbes der UNESCO. Mit dem Emscher-Landschaftspark erhielt die Region ein gemeinsames „grünes Band“. Diese Maßnahmen haben zusammen genommen wesentliche Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung und Diversifizierung des Ruhrgebiets gegeben, das sich heute als „Metropole Ruhr“ erfolgreich international präsentiert und vermarket.

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