Russland und Zentralasien - Wirtschaft
Überblick
Die Karte gibt einen Überblick über die Wirtschaft in Russland bzw. Zentralasien. Sie zeigt die naturräumliche Abhängigkeit: Kältegebiete im Norden und Trockengebiete im Süden engen den Lebens- und Wirtschaftsraum in diesem Gebiet stark ein.
Entwicklung der Wirtschaft bis 1900
Die Lebens- und Wirtschaftsräume Russlands lagen bis zum 19. Jahrhundert vor allem im europäischen Landesteil des russischen Reiches. In dieser Region sind das Klima und die Böden gut für die Landwirtschaft geeignet. Zu ersten industriellen Schwerpunkten entwickelten sich Moskau und St. Petersburg. Durch ausländisches Kapital wurden die Erschließung der Steinkohlen- und Eisenerzvorkommen im Donezkbecken finanziert. Die Grundstrukturen des Eisenbahnnetzes bestanden schon, insbesondere im europäischen Landesteil. Aber erst mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn (ab 1894) siedelten sich zahlreiche Bauern in den Gunsträumen südlich der Taiga an. Dort, wo die Eisenbahn die großen Flüsse querte, entwickelten sich rasch wachsende Handels- und Verwaltungsstädte.
Die Industrialisierung nach 1900
Die Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur wurde während der Industrialisierung der Sowjetunion (1922-1991) vervollständigt. Durch eine bessere Ausbildung der „werktätigen“ Bevölkerungsschichten, durch Zwangsarbeit von tatsächlichen und vermuteten Regimegegnern sowie durch die Begrenzung des Konsums auf ein Minimum bis hin zu Hungernöten, die teilweise als politische Waffe eingesetzt wurden, konnten die für die Industrialisierung benötigten finanziellen Mittel aufgebracht werden. Über eine stark zentralisierte Planung wurde entschieden, in welchen Regionen die knappen Mittel eingesetzt werden sollten. Traditionelle Standorte wie Moskau wurden ausgebaut. Dort wurden die Produktionsmittel hergestellt, die woanders zur industriellen Entwicklung notwendig waren. Vorhandene Standorte in der Nähe von Rohstofflagerstätten (Erdöl) wurden mit dem Ziel weiterentwickelt, darauf basierende Grundstoffindustrien wie z. B. die Eisen- und Metallerzeugung aufzubauen. Weiterverarbeitende Industrien nutzen dann wiederum die Vorprodukte der Grundstoffindustrien zur Herstellung von Konsum- oder Produktionsgütern, wobei letztere stets den Vorrang hatten. So stellte die eisen- und metallverarbeitende Industrie zum Beispiel Landmaschinen her, mit deren Hilfe die Produktionsziele in der Landwirtschaft erreicht und gesteigert werden konnten. Außerhalb der traditionellen Wirtschaftsregionen wurden in peripheren Regionen unter schwierigen Klimabedingungen Bodenschätze erschlossen, häufig unter Einsatz von Zwangsarbeitern (z. B. Halbinsel Kola, Petschora-Becken).
Wirtschaftliche Entwicklung seit 1945
Im Zweiten Weltkrieg wurde ein großer Teil der Industrie zerstört, andererseits wurden bedeutende Anlagen zu Beginn und während des Krieges abgebaut und an anderen Standorten neu errichtet, wo sie nach Kriegsende verblieben. Während des Wiederaufbaus nach dem Krieg wurde die Industrie im Westen erweitert, teilweise unterstützt durch Reparationsleistungen aus sowjetisch kontrollierten Staaten Osteuropas, insbesondere der DDR. In Sibirien gelang es dagegen nicht immer, Grundstoffindustrien an Standorten der Rohstoffförderung aufzubauen – zu harsch waren mancherorts die natürlichen Bedingungen. Nach der Auflösung des Ostblocks und dem Zerfall der Sowjetunion wurden jahrzehntelang bestehende Lieferketten der staatlichen Planwirtschaft gekappt und die international kaum konkurrenzfähigen Industrien an gewiefte Geschäftsleute veräußert, aus denen Oligarchen wurden, welche die politischen Geschicke der Nachfolgestaaten bestimmten. Die in den 1990er-Jahren andauernde Phase des ungezügelten Kapitalismus und der schwachen Staatsgebilde ging dann in den 2000er-Jahren in allseits autokratische Systeme über, in denen der Staat seine einstige Vorrangstellung in Gesellschaft und Wirtschaft allmählich zurückerlangte. Heute sind die Wirtschaft und der Außenhandel Russlands und vieler Staaten in Zentralasien mehr denn je auf Rohstoffe, vor allem auf Erdgas und Erdöl, sowie auf eine herrschende politische und wirtschaftliche Elite ausgerichtet. Russland stellt dabei auch nach dem Zerfall der Sowjetunion das wirtschaftliche Zentrum dar. Vor allem die reichen Rohstoffvorkommen ließen die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Russland und seinen zentralasiatischen Nachbarn weiterwachsen. Mit dem offenen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine 2022 kam es jedoch zu einer gewissen internationalen politischen und wirtschaftlichen Isolation Russlands, insbesondere gegenüber den europäischen Nachbarn und nordamerikanischen Staaten, und in der Folge zu einer Annäherung gegenüber China und anderen Staaten des Globalen Südens. In dieser schwierigen geopolitischen und geoökonomischen Lage versuchen die Staaten Zentralasiens ihre Unabhängigkeit zu wahren und ihre wirtschaftliche Entwicklung zu befördern.