Deutschland und seine Nachbarländer - Energiewirtschaft

Deutschland - Energie
978-3-14-100371-0 | Seite 44 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 4500000

Überblick

Die Bruttostromerzeugung in Deutschland ist in den letzten 35 Jahren von rund 550 Terawattstunden im Jahr 1990 (1 TWh = 1 Mrd. kWh) auf 509 TWh im Jahr 2024 gesunken (2017 noch 655 TWh). Gleichzeitig haben sich die Anteile der einzelnen Energieträger verändert. Deckten Braunkohle, Steinkohle und Kernenergie 1990 noch 84,4 Prozent der Bruttostromerzeugung, waren es 2024 nur noch 20,6 Prozent (2017: 48,6 %), davon Braunkohle 14,8 Prozent (2017: 22,5 %), Steinkohle 5,8 Prozent (2017: 14,1 %) und Kernenergie 0 Prozent (2017: rund 12 %). Erdgas trug 16,7 Prozent zum deutschen Strommix bei und hat damit im Vergleich zu 2003 (10,3 %) und 2017 (13,2 %) leicht zugenommen. Am stärksten zurückgegangen ist – vor allem in den letzten 21 Jahren – der Anteil der Kernenergie: von 27,7 Prozent im Jahr 1990 auf rund 12 Prozent im Jahr 2017 und 1,4 Prozent im Jahr 2023. Seit 2024 ist die Kernenergie nicht mehr in der Bruttostromerzeugung Deutschlands enthalten.

Erneuerbare Energien verzeichneten dagegen 2024 einen Rekordanteil von 57,3 Prozent (2017: 32,4 %), während sie 1990 noch bei knapp 3,5 Prozent lagen, die allein auf Wasserkraft zurückgingen, erst 1991 kamen Windkraft und Biomasse mit 0,4 Prozent dazu. Gerade die Photovoltaik konnte in den vergangenen Jahren einen starken Zuwachs verzeichnen – lag sie 2017 noch bei 5,8 Prozent, so wuchs sie bis 2024 auf 17,4 Prozent, während die Windkraft im gleichen Zeitraum „nur“ von 15,8 (2017) auf 26,8 Prozent (2024), die Biomasse von 6,5 auf 8,4 Prozent und die Wasserkraft von 3,1 auf 3,5 Prozent zunahm.

Steinkohle und Braunkohle

Die räumliche Verteilung der deutschen Steinkohlekraftwerke zeigt eine starke Konzentration in den traditionellen Steinkohlenrevieren an Ruhr und Saar und an stark frequentierten Schifffahrtswegen. Die deutsche Steinkohlenförderung ist seit den 1990er-Jahren durch den Abbau von Subventionen stark zurückgegangen und 2006 wurde von der Bundesregierung der Ausstieg aus dem subventionierten Steinkohlenbergbau bis 2018 beschlossen (vgl. 43.3 „Ruhrgebiet – Strukturwandel“). Parallel stieg der Importbedarf: Wurden 2003 noch 28,9 Millionen Tonnen eingeführt und 2017 40,2 Millionen Tonnen, so waren es 2024 nur noch 21,9 Millionen Tonnen. Wichtigste Herkunftsländer der deutschen Steinkohlenimporte waren Australien (8,2 Mio. t), die USA (7,7 Mio. t) und Kolumbien (2,9 Mio. t). Die Importe aus Russland gingen infolge des Angriffskrieges auf die Ukraine von 17,6 Mio. t im Jahr 2018 auf 11,5 Mio.  t 2022 und 0 t 2023 zurück.

Der bedeutendste fossile Energieträger in Deutschland ist die Braunkohle, die im Unterschied zur Steinkohle ohne Subventionen gefördert und verarbeitet werden kann, dafür aber auch besonders klimaschädlich ist. Braunkohlekraftwerke konzentrieren sich meist direkt in den traditionellen Abbaugebieten, ebenso wie in den Nachbarländern Polen und Tschechien. Deutschland verfügt über rund zehn Prozent der weltweit wirtschaftlich gewinnbaren Braunkohlenreserven. Etwa 35 Milliarden Tonnen lagern im Rheinland, weitere 8 Milliarden Tonnen im Mitteldeutschen und im Lausitzer Revier sowie im Helmstedter Revier, das aber bereits 2016 stillgelegt wurde. Alle deutschen Braunkohlekraftwerke liegen in diesen drei noch betriebenen Abbaugebieten. 2024 wurden in ihnen 79 Milliarden kWh Strom erzeugt (2107 noch 148 Mrd. kWh), damit hatte die Braunkohle einen Anteil von 15,5 Prozent am deutschen Strommix (2017 noch 22,6 %). Im Zuge des klimaneutralen Umbaus Deutschlands wurde 2020 von Bundestag und Bundesrat der stufenweise Ausstieg aus der Braunkohlenförderung beschlossen und auf den Zeitraum 2035 bis 2038 festgelegt. Die Funktion der Braunkohlekraftwerke für die Bereitstellung der Grundstromlast auch dann, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, wenn also Windkraft und Photovoltaik wenig Strom produzieren, sollen neue und CO2-effiziente Gaskraftwerke übernehmen.

Erdgas

2024 wurden 4,2 Milliarden Kubikmeter Erdgas in Deutschland gefördert – mit rückläufiger Tendenz, 2017 waren es noch 7,3 Mrd. m3. Fast das gesamte deutsche Erdgas kommt aus Niedersachsen. Mit der heimischen Förderung können aber nur etwa 5,4 Prozent des inländischen Bedarfs gedeckt werden, das weitaus meiste Erdgas stammt aus der Nordsee-Importen vor allem aus Norwegen (48 %) und den Niederlanden (25 %) sowie Belgien (18 %), wo Erdgas aus Großbritannien, den Niederlanden und Norwegen anlandet. Während Erdgas in Deutschland einen vergleichsweise geringen Anteil am Strommix hat (rund 17 %), trägt es in den Niederlanden und in Italien – ebenso wie in Großbritannien und in Irland, die ebenfalls über große eigene Gasvorkommen verfügen – in erheblich stärkerem Ausmaß zur Stromversorgung bei. Die Funktion der Erdgaskraftwerke als relativ schnell verfügbare Kraftwerke für Spitzenzeiten des Stromverbrauchs äußert sich im geringen Anteil an der Stromerzeugung in Beziehung zur installierten Kapazität. Erdgaskraftwerke können prinzipiell aber auch die Rolle von Grundlastkraftwerken übernehmen und sollen dies nach den Beschlüssen zum Braunkohlenausstieg ab den 2030er-Jahren auch verstärkt tun.

Kernenergie

Nachdem sich Bundesregierung und Kernkraftwerksbetreiber im Jahr 2000 im sogenannten Atomkonsens darauf geeinigt hatte, langfristig auf die Nutzung von Kernenergie zu verzichten, wurde der Ausstieg nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima (März 2011) von der damaligen Bundesregierung beschleunigt, unter anderem durch die sofortige Abschaltung von acht und die stufenweise Stilllegung der verbleibenden 9 Reaktoren bis 2023. Daraufhin wurde 2024 nach 62 Jahren in Deutschland erstmals kein Strom mehr aus Kernenergie produziert. Während Dänemark, Österreich und Italien ebenfalls auf Kernenergie verzichten, die zukünftige Nutzung bzw. der Ausstieg in der Schweiz politisch umstritten sind, setzen die Niederlande, Belgien, Frankreich, Slowenien, Tschechien und Polen auf die fortgesetzte Nutzung, z. T. sogar auf den Ausbau der Kernenergie

In Atomkraftwerken wird durch Kernspaltung Wärme erzeugt, die durch Übertragung auf Wasser eine Turbine antreibt. Die Umwandlung der Energie geschieht also ähnlich wie in anderen Wärmekraftwerken, dennoch ist die Kernenergie besonders umstritten, nicht nur aus Angst vor Strahlenbelastung, sondern auch, weil bis heute unklar ist, wie und wo der anfallende Atommüll gelagert werden kann. Die Suche nach einem Atommüll-Endlager wurde 2016 neu eingeleitet und sollte bis 2031 den geeignetsten Standort bestimmen, an dem ein Endlager errichtet werden kann. Ende 2022 wurde jedoch bekannt, dass sich dieses Verfahren je nach Szenario bis 2046 oder 2068 verzögern wird, des Weiteren ist auch die Kostenübernahme für die Errichtung und den Betrieb des Endlagers zwischen der Atomindustrie und der Politik umstritten.

Wasserkraft in den Alpenländern

Wasserkraft ist die älteste erneuerbare Energie im deutschen Energiemix und zur Grundlastversorgung geeignet (im Falle von Pumpspeicherkraftwerken auch zum Ausgleich von Verbrauchsspitzen), wobei dies der voranschreitende Klimawandel infolge längerer Trockenperioden mit niedrigen Abflussraten zunehmend infrage stellt. Seit 1990 liegt der Anteil der Wasserkraft an der Stromversorgung mit leichten Schwankungen relativ kontinuierlich bei 3–4 Prozent. Die deutschen Wasserkraftwerke liegen vor allem im Süden Deutschlands, kettenartig an den Flüssen im Alpenvorland (Iller, Lech, Isar, Inn), am Oberrhein, Neckar und an der Mosel, wo sie an Staustufen und Schleusen das künstlich errichtete Gefälle nutzen.

Einen weit größeren Anteil an der Stromversorgung hat die Wasserkraft in der Schweiz, dort ist sie die wichtigste heimische Energiequelle. Lauf- und Speicherkraftwerke deckten 2024 rund 60 Prozent des schweizerischen Strombedarfs, während Wind- und Photovoltaikanlagen nur geringfügig zur Energieproduktion beitrugen (0,2 bzw. 7,4 %). Zweitwichtigste Energiequelle des Landes ist die Kernkraft, die 2024 28,4 Prozent des schweizerischen Energiebedarfs deckte. In Österreich trug die Wasserkraft 2024 60 Prozent zur Stromversorgung bei und ist damit der mit Abstand wichtigste Energieträger. Etwa zwei Drittel der gewonnenen Elektrizität aus Wasserkraft stammen aus Laufkraftwerken, ein Drittel aus Speicherkraftwerken. Andere erneuerbare Energien wie Wind (15,4 %), Photovoltaik (9,6 %) oder Biomasse (3,2 %) trugen ebenfalls stark zum österreichischen Energiemix bei, während Erdgas mit 10,1  Prozent im Jahr 2024 als einziger nennenswerter fossiler Energieträger einen vergleichsweise geringen und zudem kontinuierlich sinkenden Anteil hat. Österreich ist damit in Europa in der Spitzengruppe von Staaten auf dem Weg zur Klimaneutralität in der Stromerzeugung (vgl. 89.2 „Europa – Nicht-erneuerbare Energierohstoffe“). Das einzige Kernkraftwerk des Landes wurde zwar fertiggestellt, ging aber nach einer Volksabstimmung 1978 nie in Betrieb.

Beide Alpenländer, die Schweiz und Österreich, sind über weite Strecken im Jahr Stromexporteure, während Deutschland seit dem endgültigen Atomausstieg 2023 an mehr Tagen im Jahr Strom importiert als exportiert.

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