Baden-Württemberg - Industrie und Dienstleistungen

Baden-Württemberg - Wirtschaft und Versorgung
978-3-14-100394-9 | Seite 22 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 1000000

Überblick

Baden-Württemberg zählt zu den wirtschaftsstärksten und wettbewerbsfähigsten Regionen Europas. Insbesondere im Bereich der industriellen Hochtechnologie sowie Forschung und Entwicklung gilt Baden-Württemberg als die innovativste Region der Europäischen Union. Laut einer Studie eines arbeitgebernahen Verbands befindet sich Baden-Württemberg hinter Kalifornien und Massachusetts auf dem dritten Platz der innovativsten Regionen der Welt. Die Forschungsstärke spiegelt sich in den Ausgaben für Forschung und Entwicklung wider, welche 2021 bei 6,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Regierungsbezirk Stuttgart lag (Tübingen 5,5 %, Karlsruhe 5,4 %, Freiburg 3,1 %), der höchste Wert unter allen EU-Regionen.

Baden-Württemberg hatte 2025 mit 4,6 Prozent nach Bayern die zweitniedrigste Arbeitslosenquote (Bundesdurchschnitt: 6,3 Prozent) und 2022 mit 39 Prozent den höchsten Anteil der Industrie (inklusive Bergbau) an der Wirtschaftsleistung. Bei dessen Indikator – dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) – lag Baden-Württemberg sowohl beim BIP pro Kopf der Bevölkerung mit 59 335 Euro, als auch beim BIP pro erwerbstätige Person mit 104 021 Euro im Jahr 2025 an fünfter Stelle der Bundesländer (nach Hamburg, Bayern, Bremen und Hessen). Begonnen hat seine wirtschaftliche Entwicklung im 18. und 19. Jahrhundert mit Feinmechanik (Uhrenindustrie, Herstellung von Musikinstrumenten), Maschinenbau, Textil- sowie Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Zu den früh industrialisierten Regionen gehörten neben den Großstädten die Gebiete um Aalen-Heidenheim, Villingen-Schwenningen, Lörrach und Albstadt. Mittlerweile haben sich zwei große Wirtschaftsräume mit hoher Bevölkerungs- und Arbeitsplatzdichte herausgebildet: die Rheinschiene mit den Schwerpunkten Mannheim/Heidelberg, Karlsruhe, Offenburg, Freiburg und den an Basel grenzenden, äußersten Südwesten um Lörrach (hier wohnen überwiegend auch die rund 67 600 baden-württembergischen Grenzpendler in die Schweiz) sowie der Großraum Stuttgart mit den in benachbarte Flusstäler ausgreifenden Industriegassen an Neckar, Rems und Fils. Zwei weitere Verdichtungsräume entstanden um Ulm an der Grenze zu Bayern sowie im oberschwäbischen Schussenbecken mit Ravensburg und Weingarten sowie dem nahegelegenen Friedrichshafen am Bodensee.

Überragende Bedeutung der Industrie

Die Industrie (verarbeitendes Gewerbe) bildet das Rückgrat der baden‑württembergischen Wirtschaft. Im Jahr 2023 arbeiteten in rund 8 500 Industriebetrieben etwa 1,3 Millionen Menschen. Unter Einbeziehung des gesamten produzierenden Gewerbes entspricht dies rund einem Drittel aller Erwerbstätigen. Damit weist Baden‑Württemberg den höchsten Anteil an Industriebeschäftigten aller Bundesländer auf und ist das deutsche Bundesland mit der stärksten industriellen Prägung.

Zu den beschäftigungsstärksten Branchen zählen der Maschinenbau und der Fahrzeugbau. Der Maschinenbau ist mit zahlreichen Unternehmen landesweit vertreten, während Baden‑Württemberg zugleich eines der zentralen Zentren der deutschen Automobilindustrie darstellt. Bedeutende Standorte befinden sich unter anderem in Stuttgart, Sindelfingen, Neckarsulm, Mannheim, Rastatt, Gaggenau, Bühl, Ulm, Friedrichshafen und Weissach. Die herausragende Rolle Baden‑Württembergs im Maschinen‑ und Fahrzeugbau spiegelt sich auch in den Beschäftigungsanteilen wider: Im Jahr 2023 entfielen 30,7 Prozent der bundesweit im Maschinenbau sowie 27,6 Prozent der im Fahrzeugbau Beschäftigten auf Baden‑Württemberg.

Auch umsatzseitig prägen diese beiden Leitbranchen die Industrie des Landes maßgeblich. Im Jahr 2024 erwirtschafteten der Fahrzeugbau mit rund 140 Milliarden Euro und der Maschinenbau mit 79,1 Milliarden Euro zusammen knapp 219 Milliarden Euro. Dies entsprach rund 50 Prozent des gesamten Industrieumsatzes Baden‑Württembergs in Höhe von 437,6 Milliarden Euro. Entsprechend dominierten sie die Umsatzstruktur der Südwestindustrie. Allein die Automobil‑ und die Maschinenbaubranche beschäftigten 2024 rund 235 000 beziehungsweise 331 500 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Darüber hinaus ist auch die Herstellung von Metallerzeugnissen von erheblicher Bedeutung.

Historisch spielte insbesondere im Schwarzwald die Feinmechanik eine wichtige Rolle, zunächst vor allem in der Uhrenindustrie und später auch in der Unterhaltungselektronik. An Bedeutung verloren hat hingegen die Textilindustrie, die früher vor allem auf der Schwäbischen Alb angesiedelt war. Sie konzentriert sich heute auf die Herstellung spezieller Gewebe, etwa technischer Textilien, weist jedoch weiterhin einige namhafte Bekleidungshersteller auf.

Eine weitere bedeutende Industrieeinrichtung ist die Mineralölraffinerie Oberrhein (MiRO) in Karlsruhe, die als zweitgrößte Mineralölraffinerie Deutschlands gilt. Für einzelne Städte und Gemeinden besitzt zudem die Rüstungsindustrie eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. In Baden‑Württemberg sind etwa 120 Unternehmen dieser Branche ansässig; Oberndorf am Neckar gilt dabei als Zentrum der Schusswaffenproduktion. Darüber hinaus sind Standorte der Herstellung von Zündern sowie von Steuer‑ und Leitsystemen für Flugkörper, unter anderem in Seedorf, sowie die Bodenseeregion als wichtiger Schwerpunkt der Produktion von Verteidigungsgeräten hervorzuheben.

Auch Unternehmen der Elektrotechnik zählen zu den wichtigsten Arbeitgebern des Landes. Charakteristisch ist dabei die starke Präsenz mittelständischer Betriebe, unter denen sich zahlreiche hoch spezialisierte Unternehmen mit überregionaler, teilweise sogar globaler Bedeutung befinden (sogenannte „Hidden Champions“). Diese sind unter anderem in der Herstellung feinmechanischer und optischer Geräte, von Uhren, Spielwaren, Bestecken, Schrauben, Nahrungs‑ und Genussmitteln sowie elektronischen Bauteilen tätig.

Ein prägendes Merkmal der baden‑württembergischen Wirtschaft ist schließlich die große Bedeutung von Familienunternehmen. Unter den 1 000 größten Familienunternehmen Deutschlands waren im Jahr 2023 insgesamt 205 Unternehmen in Baden‑Württemberg ansässig, womit das Land im Bundesländervergleich den zweiten Platz einnahm. Auch bezogen auf die Einwohnerzahl zählt Baden‑Württemberg zu den Bundesländern mit den meisten Familienunternehmen und belegte hierbei den dritten Platz.

Bedeutender Dienstleistungssektor

Mehr als 68 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in der Informations- und Dienstleistungsbranche. In der Forschung und Entwicklung, die von Staat und Wirtschaft gemeinsam getragen werden, waren 2023 knapp 213 000 Menschen beschäftigt. Damit ist Baden-Württemberg mit Abstand Spitzenreiter unter den Bundesländern. Baden-Württemberg ist auch einer der wichtigsten IT- und Medienstandorte (u. a. Software-Entwicklung, Druckgewerbe) Deutschlands, in Walldorf bei Heidelberg hat das größte europäische Software-Unternehmen seinen Sitz. Überregional bedeutende Fachmessen finden in Stuttgart, Karlsruhe, Sinsheim, Freiburg, Offenburg, Ulm und Friedrichshafen statt. Heidelberg besitzt die älteste und eine der renommiertesten Universitäten Deutschlands. Dazu kommen Universitäten in Tübingen, Freiburg, Karlsruhe, Konstanz, Mannheim, Stuttgart, Hohenheim und Ulm sowie eine Vielzahl von Fachhochschulen.

Dichtes Verkehrsnetz

Baden-Württemberg verfügt über ein dichtes Verkehrsnetz, wobei das Straßennetz besonders gut ausgebaut ist. Schon früh erschlossen war das Oberrheinische Tiefland. Fast alle Oberzentren sind durch Autobahnen verbunden – die Länge der Autobahnen in Baden-Württemberg beträgt gut 1000 Kilometer, weitere 4200 km sind Bundesstraßen sowie rund 22 000 km Landes- und Kreisstraßen. Das schienengebundene Nahverkehrsnetz ist gut ausgebaut, die Region Karlsruhe ist mit der Verknüpfung von Eisenbahn und Straßenbahn (Tram/Train, das sogenannte „Karlsruher Modell“) bundesweit ein Vorreiter. Der Fernverkehr (ICE, IC) konzentriert sich entlang von zwei Achsen: Die Rheintalbahn von Mannheim über Karlsruhe, Offenburg und Freiburg bis Basel wird im Rahmen eines viergleisigen Aus‑ und Neubauprojekts leistungsfähig ausgebaut und ist Teil des europäischen Güterverkehrskorridors Rotterdam–Genua. Parallel dazu gehört die Neubaustrecke Wendlingen–Ulm, die seit Dezember 2022 in Betrieb ist, zum Bahnprojekt Stuttgart–Ulm. Der Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs und die Neuordnung des Bahnknotens erfolgen im Rahmen des umstrittenen Projekts Stuttgart 21, dessen schrittweise Inbetriebnahme ab Dezember 2026 vorgesehen ist; der vollständige Betrieb wird wohl erst ab 2030 erreicht werden (s. 27.3). Der internationale Flughafen von Stuttgart ist gemessen am Passagieraufkommen (rund 9,6 Mio. 2025) der siebtgrößte in Deutschland.

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